1.145 Höhenmeter, 9.8 Kilometer Wegstrecke




Ein Wettlauf mit Material, Zeit und der Sonne






Von Gabriel Egger









Die Lichter sind gedämmt, die Schornsteine dampfen und auf den Straßen kehrt früh bedächtige Ruhe ein. Ein weißer Schleier hat sich anmutig über die Stadt gelegt und Eiszapfen werten das optische Bild auf. Die 8.000 Einwohner haben sich prophylaktisch für den Faschingsdienstag vorgeschminkt und mit einem breiten Grinsen gedanklich den Fetzenmontag durchgespielt. Es ist Winter in der närrischen Gemeinde Ebensee. Während sich die Zugvögel zu Beginn der kalten Jahreszeit mit der Wärme  Richtung Süden verabschieden, wird ein anderes, kälteresistentes Tier im Salzkammergut heimisch. Von Dezember bis März bewohnt es die Berghänge hoch über der Marktgemeinde. Der bullige Körperbau, seine lautstarken Rufe und die grellen, leuchtenden Augen des nachtaktiven Tieres lassen “in da Ebensee” an manchen Abenden die Wangen der Kinder an den Fensterscheiben kleben- denn dann kann man sie auch in der Herde beobachten. Anders als  ihre Insektenkollegen wird die Pistenraupe allerdings nicht zu einem Schmetterling. Sie bleibt in ihrem stählernen Kokon.

Zugegeben, die Verbauungen auf dem mehr oder minder zurechtgestutzten Skiberg Feuerkogel sind keine Wohltat für alpine Augen. Das Erlebnis “Höllengebirge”, beginnt erst dort, wo sich der Weg keck in Richtung Riederhütte schlängelt und das Gewirr aus Latschen, Dolinen und Gupfen für die breite Masse zu unübersichtlich wird. Dennoch ist die Touristenerhebung mit einem traumhaften Panorama gesegnet und lässt im glühenden Abendlicht kaum Wünsche offen. Zudem sind die Liftbetreiber recht kulant, was Skitourengeher betrifft und die präparierten Pisten dürfen als minder attraktive, dafür umso flottere Aufstiegsmöglichkeit genutzt werden.

Das ist auch der Grund warum Moritz, unser Skitouren-Newbie Thomas, und ich am späten Nachmittag noch aufbrechen, um uns von der Sonne zum Abschluss eines arbeitsreichen Tages ins Gemüt scheinen zu lassen. Das ist aber vorerst schwer, befindet sich der Aufstiegsweg auf der alten, aufgelassenen Talabfahrt zur Gänze im Schatten. Nach einer kurzen, aber lautstarken Auseinandersetzung mit meiner neuen Bindung, steigen wir erst um 14.30 Uhr Richtung Bergstation.

Aufstieg über die aufgelassene Skipiste
Der Feuerkogel und seine menschlichen Hinterlassenschaften

Steine, Dreck und Reisig bedecken die sonst so prachtvolle Schneedecke und lassen uns , an die Abfahrt denkend, schon einmal schlucken. Steil geht es bis zur Talstation des Gsollliftes (1.056m) bergan und wir kommen trotz der äußerst frostigen Temperaturen (- 9 Grad) ins Schwitzen. Das liegt mitunter an der Beschaffenheit des Aufstiegsweges, der durch zahlreiche Kollegen bereits völlig tief und zerfahren ist.

Nach 600 Höhenmetern ist für unseren Thomas dann Schluss. Er steigt, von der Schnelligkeit der Zeiger auf seiner Uhr überrascht, in die Gondel ein und erwartet uns am Plateau. Vielleicht sollte man mit Snowboardern, die erst dreimal auf Ski gestanden waren, etwas umsichtiger umgehen. Realitätsverweigerung: eine bergaufundbergab-Krankheit.

Wir steigern das Tempo, lassen uns vom Farbenspiel des Winds tragen und genießen den prachtvollen Untergang der Sonne. Ein Untergang wäre für unseren Mitstreiter auch die Abfahrt über die unpräparierte Piste und so gibt es den ersten Funkkontakt zum Gipfel und den Vorschlag eines motorisierten Abstieges. “Zumindest von der Gondel, bin ich zum Sessellift gefahren. Sicher eines der spannendsten Abenteuer meines Lebens” gibt sich Thomas gewohnt entspannt und vergisst sogar darauf, dass man bei einem Sessellift die Ski nicht abschnallen sollte. “Bua, was machst denn mit deinen Ski”. Eine Anekdote, die sich nahtlos in die humoristischen Geschichten mit unserem Snowboardkönig einfügt. Handys, die vom Gipfel fallen, Wege die plötzlich in andere Täler führen: ein Garant für Unterhaltung.

Die Sonne beleuchtet das Salzkammergut

Über die teils eisige Piste erreichen wir das hölzerne Gipfelkreuz auf 1.592 Meter, das ein trauriges Dasein im Schatten der Christophurus-Hütte fristet. Die Sonne hat sich schon bettfertig gemacht und so lassen wir noch kurz das sanfte Licht auf uns wirken, bevor wir beginnen mit den Fellen zu hantieren. Die erste Skitour des Jahres am 22. Jänner. Ein klares Anzeichen für den Klimawandel, oder für unsere Trägheit- denn Ausrüstung schleppen war noch nie unsere liebste Beschäftigung.

Aufstieg über die Piste
Vorbei an der Christophorus-Hütte…
…zum hölzernen Kreuz

Bei der Abfahrt kommt uns dann auch die im Salzkammergut saisonal beheimatete Pistenraupe entgegen und wir müssen uns hüten, nicht in die Fänge des wilden Tieres zu geraten. Flott geht es zurück zur Talstation Gsoll, bevor wir unsere Skier durch zeitweises Abschnallen vor dem frühen Verschleißtod bewahren müssen. Die restliche Abfahrt bis zum Parkplatz ähnelt  einem Spießrutenlauf. Steine stören immer wieder den Bewegungsfluss, auch das Gras lässt zeitweise seine Halme hervorblitzen. Im Schein der Stirnlampen rutschen wir den Lichtern Ebensees entgegen und Thomas erwartet uns bereits mit kulinarischen Köstlichkeiten aus der Feinkostabteilung des nahen Supermarktes.

Zuerst über die präparierte, später über die wenig lustige Talabfahrt

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Das Sprichwort trifft auf die heutige Unternehmung gleich im doppelten Sinne zu. Der euphorisiert geschmiedete Feuerkogel-Plan war wenig durchdacht und so richtig reizvoll ist die Skitour auf den Ebenseer Hausberg auch nicht-  andererseits immer noch besser als ein Nachmittag vor der Mattscheibe oder im sonnendurchfluteten Büro. Und immerhin: die Skitourensaison ist nun auch beim oberösterreichischen Bergduo offiziell eröffnet. Und auch für unseren Tom wird die Zeit des problemlosen Skibergsteigens kommen. Ganz bestimmt.